Die Chronik der Tonnengarde

Am Anfang stand eine ruchbare Tonne“, hat der Journalist Heinz Schweden einmal geschrieben. Man kann aber auch sagen:

„Das Tonnenrennen entstammt einer Schnapsidee.“

Fenster_TonnenrennerJedenfalls gab es in Niederkassel schon vor dem Gründungsjahr 1887 einen Winterbrauch, über den die Neußer Zeitung „Kreis – Handels – und Intelligenzblatt“ im 54. Jahrgang am 4. Februar 1880 wie folgt berichtete: Am Montag (also am 2. Februar, dem Montag vor Karneval) wurde wieder, wie in jedem Jahr, in Niederkassel der Wurstmontag gefeiert. Eine Rotte junger Leute, deren Mitglieder sich jedoch nicht aus den feinen Schichten der Bevölkerung rekrutierten, zogen in wilden Kostümen durch das Dorf und machten vor jedem Haus auf allerlei primitiven Instrumenten eine fürchterliche Katzenmusik. Dafür forderten sie Abgaben an Wurst, Eiern oder Geld. Die gesamten Gaben wurden anschließend von den Teilnehmern gemeinsam verzehrt respektive verjubelt.

Im Jahre 1887 muss es wohl besonders schlimm zugegangen sein. Aus der mündlichen Überlieferung wissen wir, dass der Bauer Karl Dahners vom Käshof drei große Thaler aussetzte für den, der am schnellsten mit einer „Schörskar „ (nicht mit einer Schubkarre vergleichbar) und einer leeren Abtrittstonne (als Jauchefass dienten alte Heringsfässer) die Rundstrecke im Dorf bewältigen würde.

Fenster_002Wir kennen nicht genau Start und Ziel, aber wir kennen die Strecke. Sie verlief über die Dorfstraße, die heute Alt-Niederkassel heißt, und führte dann über den Kanalsweg, der damals noch ein Feldweg war und heute als ausgebaute Straße Kanalstraße heißt. Dann verlief die Rennstrecke über die Landstraße, die heute Niederkasselerstraße heißt, in nördliche Richtung um über die Kuhjaß wieder die Dorfstraße zu erreichen. Von der Kuhjaß ist heute nur noch ein Fragment erhalten. Sie hatte einen abgeknickten Verlauf wegen der Bauernhöfe, lag aber in etwa dort wo heute die Straße „An der Apfelweide“ liegt. So war die Rundstrecke komplett.

Das Rennen wurde am folgenden Sonntag, also Karnevalssonntag 1887 ausgetragen. Es gab natürlich noch keine Tonnengarde, aber es gab Schützen, die auch Erfahrungen mit Umzügen hatten, denn die Teilnehmer zogen erst einmal gemächlich durch das Dorf und präsentierten ihre Schörskarren und die sauber geputzten Tonnen bevor sie an den Start gingen. Es müssen so gut 10 Männer gewesen sein. Einige sind uns mit Namen bekannt. Da war der Hannes Geunich, genannt Hasebeck, der die Hausschlachtungen im Dorf besorgte. Auch Gerbers Pomp war dabei, der im Dorf die Pumpen setzte und reparierte, und natürlich Wilhelm Vossen, der Sohn vom Kocks Wilhelm. Dieser hatte bei den Bonner Husaren gedient und von daher eine stramme Körperhaltung. Auch wegen seines schneidigen Auftretens wurde er Noltese Offizier genannt.

Es waren also gestandene Männer am Start. Man munkelte, das Rennen sei nicht unter sportlichen Voraussetzungen ausgetragen worden, aber bis heute ist Schnaps kein Dopingmittel. Wir kennen auch nicht die gelaufene Zeit, aber wir vermuten, dass der Sieger gepfuscht hat. Er hat wahrscheinlich eine Abkürzung genommen, ist nicht über den Kanalsweg gelaufen sondern schon vorher in den „Frerje“ Hof eingebogen, durch den Bungert (heute nennt man so etwas Streuobst Wiese) gelaufen und beim Tor am Wegekreuz kam er wieder auf die Landstraße.

War aber egal. Wilhelm Vossen wurde zum Sieger erklärt und hat gewiss die 3 gewonnenen Thaler zum allgemeinen Verzehr freigegeben. Jedenfalls hat das Rennen so viel Spaß gemacht, dass man das Tonnenrennen im nächsten Jahr wiederholte und wiederholte bis auf den heutigen Tag, ausgenommen nur die Jahre der beiden Weltkriege. Die organisatorischen Aufgaben leisteten offensichtlich zunächst die Schützen und damit fungierten die Schützenchefs auch als Präsidenten, auch wenn sie so oder in diesem Sinne nicht als Karnevalspräsidenten genannt wurden. Im Protokoll des Schützenvereins vom 7.12.1890 steht jedenfalls ausdrücklich verzeichnet, dass der Schützenverein für die Fastnachtsveranstaltungen 1891 die Kapelle Beims aus Sonsbeck verpflichtet hat.
Der zuvor genannte Kocks Wilhelm hat auch weiterhin das Tonnenrennen organisiert, obwohl er nie Schützenchef war. In den Jahren bis zum 1. Weltkrieg hat der Schützenverein 5 Chefs gehabt, die aber nie als Tonnengarde-Präsident in Erscheinung getreten sind und als Hermann Menke als Tonnengarde-Präsident in Erscheinung trat war er 2. Vorsitzender der Schützen, am 21. Januar 1924 gewählt, aber noch nicht Chef. Das wurde er erst später.

TonnenrennenDie Tonnengarde war zu dieser Zeit das was man unter einem wilden Verein versteht. Nicht dass es dort besonders wild zuging, sondern weil solche Vereine keine Körperschaft im rechtlichen Sinne sind, sie sind nicht im Vereinsregister eingetragen und haben dementsprechend auch keine Vereinsorgane. Solche Konstruktionen sind aus rechtlicher Sicht, aber auch aus Gründen der Haftung für alle Beteiligten sehr riskant.
Am Neujahrsmorgen trafen sich alle, die Karneval mitmachen wollten, im alten Bierhaus Meuser. Das war dann die Tonnengarde. Jeder legte 5 Mark als Startkapital auf den Tisch. Damit begann die Organisation der Sitzungen, der Bälle, des närrischen Umzugs und natürlich des traditionellen Tonnenrennes. In der Session kamen weitere Gelder aus Eintritt, Tanzgeld, Sponsoren und Werbung hinzu. Davon wurde alles bezahlt und der Rest zu gleichen Teilen an die Tonnengardisten ausgezahlt. Das Jahr über gab es keine Tonnengarde.

Nach 1912 taten sich vor allem die jungen Mitglieder der St. Hubertus Kompanie als Tonnengardisten hervor. Aber es blieben immer noch die alten Verhältnisse und ab 1914 hatten die Leute ganz andere Sorgen. Nach dem 1. Weltkrieg wurde auch wieder Karneval gefeiert und das Tonnenrennen gestartet, aber die wirtschaftliche Situation mit Inflation und Arbeitslosigkeit ließ keine großen Sprünge zu. Gerade jetzt war der Karneval ein Ventil um der Obrigkeit den Marsch zu blasen. So nahm die Tonnengarde 1929 mit einem von Pferden gezogenen Wagen am Rosenmontagszug teil und kritisierte die hohen Reparationsleistungen an die Siegermächte aus dem l .Weltkrieg.

Dank der festen Rheinbrücke pflegte die Tonnengarde einen regen Kontakt zum Düsseldorfer Karneval. Willy Scheffer aus Düsseldorf schrieb: „Ött Tonnelied“ und unterlegte seinen Text mit dem Gossenw alzer. Als 1938 die neuen Medien auf den Plan traten und der Kölner Rundfunk erstmals das Tonnenrennen übertrug, wurde sichtbar, dass die Organisation der Tonnengarde der Entwicklung angepasst werden musste. Dazu kam es aber nicht mehr. Die Kriegsvorbereitungen ließen keinen Platz für Tonnenrennen und unbeschwerten Karneval.

Tonnenrennen_2Erst 1946 begann man wieder schrittweise närrisch zu denken. Unterstützt vom Knollenbrandi, natürlich schwarz gebrannt, gab es die ersten Karnevalssitzungen. Die Menschen wollten endlich wieder feiern und lachen. Ob das erste Tonnenrennen von der Besatzungsmacht genehmigt war, wissen wir nicht. Jedenfalls hat die britische Militärpolizei die Schörskarren nicht als Kriegswaffen konfisziert. Schützenchef Hermann Menke hieß jetzt auch Präsident der Tonnengarde und unter seiner Leitung wurde 1949 Heinrich Orths und seine Frau Anna geborene Kippels zum ersten Tonnenbauernpaar gekürt.

Zu dieser Zeit stand oft ein kleiner Junge am Straßenrand und brannte darauf auf dem großen Kamevalswagen mit zu fahren. Im Jahre 1952 wurde dieser Junge dann richtig aktiv. Mit 16 Jahren übernahm Peter Steinhauer die Kasse der Tonnengarde. Eigentlich war das gar nicht zulässig, aber die Alten sagten: „Dä Jong is jot“, und das war Legitimation genug. Jetzt bohrte auch Willi Bäumer mit seiner Idee 50 Pfg. Monatsbeitrag zu erheben und so die Tonnengarde über das ganze Jahr existieren zu lassen. Aber dafür war die Zeit noch nicht reif.

Dem Schützenchef wurde die Sache langsam ein wenig zu viel. Schließlich hatte er als selbständiger Bäckermeister einen anstrengenden Beruf und war als Schützenchef für das ganze Sommerbrauchtum verantwortlich. Oft überschnitten sich die Verpflichtungen mit den Anforderungen der Tonnengarde. In einer Mitgliederversammlung der Tonnengarde im Jahre 1955 wurde dieses Thema heiß diskutiert und man fasste den Beschluss als Präsident einen anderen Mann zu suchen. Aber wen?

Da gab es ein Naturtalent mit Namen Fritz Kriegleder. Er hatte schon bei der Düsseldorfer Bürgerwehr als Koch die Gulaschkanone geführt und dort seine Schlagfertigkeit unter Beweis gestellt. Im Rosenmontagszug hatte ein Zuschauer seinen Hut hingehalten und eine Kelle Erbsensuppe verlangt. Fritz hat ihm einen Schlag Suppe in den Hut getan. „Das ist mein bester Hut“ hat dieser geschimpft. „Dat ist och min beste Äzezupp“ hat der Fritz gesagt.

Fritz Kriegleder war aber auch Mitglied des Niederkasseler Tambour-Corps und so mit dem Dorf verwachsen. Außerdem hatte er als Präsident der Karnevalsgesellschaft Büdericher Heinzelmännchen Präsidentenerfahrungen gesammelt. Das war der richtige Mann! Während der Versammlung bei Meuser eilte Willi Scheuren mit dem Tempo (einem dreirädrigen Lieferwagen) zur Kläranlage in Lörick und holte den Maschinenführer Fritz im Blaumann aus der Nachtschicht in die Versammlung. Dort wurde er von den Mitgliedern einstimmig zum Präsidenten der Tonnengarde gewählt. Er schwang sich sofort auf sein Fahrrad, dass er vorsorglich auf der Ladefläche des Lieferwagens mitgenommen hatte und fuhr zu seinen Pumpen zurück, denn der Rhein führte Hochwasser.

Kinder_1Fritz Kriegleder war ein uriger und agiler Präsident und übte sein Amt mit Bravour aus bis er im hohen Alter sich 1971 nicht mehr zur Wahl stellte. Wie sehr er dem Karnevalsvirus verfallen war zeigte sich 1966. Wenige Stunden vor einer Veranstaltung im alten Bierhaus Meuser, auf der er das neue Tonnenbauernpaar vorstellen wollte, schnitt er sich beim Brennholzschneiden bei seinem Nachbarn, dem Holzhändler Wolfgang Schakow, den halben Daumen ab. Im Krankenhaus hat er dann dem Arzt klar gemacht, dass er gleich präsidieren müsse. So hat der Arzt die Wunde versorgt und ihm einige Tabletten gegen den aufkommenden Wundschmerz gegeben. Mit hochgebundener Hand hat Fritz sein Präsidentenamt erfüllt. Nur bei den fälligen Helaus und Trän Drops hat ihn der appe Daumen immer wieder daran erinnert den Arm nicht zu hoch zu reißen. Karneval haben wir ihm einen Mottowagen gebaut mit einer Präsidentenfigur, einer Kreissäge und einer Katze, die den Daumen weg schleppt. Karnevalisten sind manchmal fies.

Im Jahre 1967 kam eine ganz neue Nuance in den Niederkasseler Karneval. Einige Mitglieder waren der Auffassung, dass es auch ein Kinder-Tonnenbauernpaar geben müsse. So wurde mit Bernd Hüttemann und Charlotte Tappe das erste Kinder-Tonnenbauernpaar gekürt. Da musste natürlich auch eine Kindersitzung her und so war das komplette Gegenstück zum großen Karneval geschaffen. Auch ein Kinder-Tonnenwagen fuhr jetzt im Umzug mit. So geschieht es bis zum heutigen Tag, nur dass der Kindertonnenwagen jetzt auch im Rosenmontagszug mit fährt.

Ein Karneval der besonderen Art fiel in das Jahr 1969. Als sich das Aufbaukommando am Karnevalssonntag bei Heinrich Pulm und seiner Frau Therese sowie Sohn Willi mit Frau Christa zum Frühstück einfanden, schauten alle mit besorgten Gesichtern nach draußen. Es hatte in der Nacht 30 cm geschneit. Für Wintersport gute Verhältnisse, für ein Tonnenrennen und einen Umzug die pure Katastrophe. Krisensitzung war angesagt.
Wir hatten damals einen Schüttgutspediteur in Niederkassel. Robert Walter war der Schwiegersohn vom „Schustisch Pit“ und der hatte einen Frontlader mit einer 3 Meter breiten Mulde. Peter Steinhauer hat den Robert davon überzeugt, dass nur er die ganze Veranstaltung retten könnte. Er holte das schwere Gerät von seinem Betriebshof an der Ziegelei und räumte fast den ganzen Zugweg frei, denn die Schneeräumer der Stadt waren hoffnungslos überfordert. So konnten der närrische Umzug und das Tonnenrennen pünktlich starten. Die zahlreichen Zuschauer waren begeistert, obwohl man viele Bonbons erst nach der Schneeschmelze fand. Das Tonnenbauernpaar Heinz Klöckner und seine Frau Else aber gingen als das Schneebauernpaar in die Analen ein.

Peter Steinhauer, der als kleiner Bub schon sehnsüchtig darauf gewartet hatte auf dem großen Wagen der Tonnengarde mitzufahren, war schon einige Jahre Geschäftsführer der Tonnengarde und verfolgte Schritt für Schritt das Ziel aus dieser urigen Garde einen richtigen Verein mit Geschäftsstelle, Telefonanschluß, Adresse und Eintragung ins Vereinsregister zu machen. Auch zu diesem Zweck schaute er den großen Vereinen in der Stadt zu, übernahm was für die Tonnengarde gut war und ließ weg was zur Tonnengarde nicht passte. Peter gewann so viele Freunde im Düsseldorfer Karneval, hat aber immer die Tonnengarde mit einbezogen. Die Tonnengarde wurde zu einer festen Größe im Karneval der Stadt Düsseldorf.

So war es eine Selbstverständlichkeit, als der Alde Fritz, wie Fritz Kriegleder intern immer genannt wurde, 1971 sich aus Altergründen nicht mehr zur Wahl stellte, dass die Tonnengarde diesen Erzkarnevalisten Peter Steinhauer zum neuen Präsidenten wählte. Das war der Start in eine neue Zeit und dennoch kein Bruch sondern eine kontinuierliche Fortentwicklung. Selbstverständlich blieb der geliebte Alde Fritz als Ehrenpräsident der Tonnengarde erhalten und hat noch manches Jahr mit seiner alten Amtskette als Ehrenzeichen, frei von aller Verantwortung, mitgefeiert.

Bald wurden Kontakte ins benachbarte Holland geknüpft. In Lent bei Nymwegen entstand die Karnevalsgesellschaft „Het dorstige Bluumke“ und Peter Steinhauer betätigte sich als Geburtshelfer. Es gab gegenseitige Besuche und offizielle Empfänge in den jeweiligen Rathäusern. So selbstverständlich wie heute war das damals noch nicht. Die Kriegswunden waren zwar schon geschlossen aber noch nicht verheilt. Solche Kontakte über die Grenzen waren gut.

Die Tonnengarde war natürlich immer wieder im Gespräch und ihre Aktivitäten in den Medien. Als Anna Fragen, geborene Meuser, am 4. Adventssonntag im Jahre 1976 in Alt-Niederkassel von innen die Blenden aufstieß, erblickte sie den kompletten Tonnengarde -Vorstand in voller Karnevalsaufmachung mit Schörskar und Tonne auf der Straße (Fototermin für die Presse, die kommende Session war kurz) und schrie entsetzt: „Jetzt sind die ganz verrückt geworden“. Zugegeben, Weihnachten stand vor der Tür.
Es würde die Grenzen eines Festbuches sprengen, würde man all die Episoden aufführen, die sich unter und unter Mitwirkung des Präsidenten Peter Steinhauer ereignet haben. Herzstück blieb aber immer der bodenständige Karneval in Niederkassel mit dem traditionellen Tonnenrennen und einem närrischen Umzug durch Ober- und Niederkassel. Mittlerweile nahmen 8 Wagen, 20 Fußgruppen und 600 Karnevalsfreunde daran teil. Fernsehtaems aus vielen Ländern haben schon vom Tonnenrennen berichtet und prominente Gäste aus Kirche, Wirtschaft und Politik schauen dem urwüchsigen Karneval zu, greifen auch schon mal selber ins Geschehen ein. Das Prinzenpaar der Landeshauptstadt Düsseldorf zählt zu den Stammgästen in Niederkassel.
Peter Steinhauer hat 27 Jahre als Präsident die Geschicke der Tonnengarde gelenkt und dabei Karnevalsgeschichte geschrieben. Gesundheitliche Probleme veranlassten ihn 1998 die Präsidentenkette, die übrigens ein frühes Unikat aus der damals beginnenden Epoche des Edelstahl-Schmucks ist, abzulegen. Kalle Wahle trat als Nachfolger an. Er kannte den Karneval. Als Tanzoffizier hatte er der Prinzengarde Rot Weiß gedient und war mit seiner Frau Margit 1987 Tonnenbauernpaar gewesen. Für die Tonnengarde bedeutete dieser Präsidentenwechsel ein Umbruch. Fühlte sich Peter Steinhauer mehr dem rheinischen Grundgesetz und der damit in Einklang stehenden bäuerlichen Wurzel verbunden, war dem neuen Präsidenten die stolze Prinzengarde ein Vorbild, dem es nachzueifern galt. Aber „Strammstehen“ war für Tonnengardisten eine unübliche Körperhaltung und entsprach nicht der gewohnten Nähe zur Wurzel dieser Garde. Das zu ändern war auch Kalle Wahle nicht gelungen als er 2003 sein Amt aufgab.

Zwei Jahre hatte die Tonnengarde dann kein Bauernpaar, dennoch gingen die Veranstaltungen weiter, der närrische Umzug wurde sogar noch etwas größer und natürlich wurde das Tonnenrennen mit Kinderläufen, Einzelläufen, Staffeln und Prominentenlauf gestartet. Das zeigt, dass der Karneval als Volksbrauch bei den Gardisten, den Zugteilnehmern und den Zuschauern tief verwurzelt ist.

Im Jahre 2005 wurde Hermann Menke, der Enkel des Präsidenten aus früheren Jahren mit dem gleichen Namen, zum neuen Präsidenten der Tonnengarde gewählt. Als Auftakt übernahm er wenige Monate später mit seiner Frau Sylvia auch das Amt des Tonnenbauern. Die Tonnengarde war wieder auf dem Acker und das wurde auch bei den Vereinen im Düsseldorfer Karneval so gesehen.

Aber Karneval besteht nicht nur aus lebensfrohem Feiern und Spaß. Brauchtumspflege ist heute auch ein mächtiges Stück Arbeit und bedeutet Verantwortung für Andere zu tragen und das nicht erst seit dem Drama in Duisburg. Da ist jedes Vorstandsmitglied gefordert. So etwas kostet Kraft und viel Zeit. Wenn dann eine berufliche Neuorientierung, eine gesundheitliche Attacke und das Engagement bei den Schützen hinzu kommen, dann muss der Spaßfaktor gestutzt werden. So erklärte Hermann Menke 2007 seinen Rücktritt. Karl-Hans Danzeglocke und Werner Hansen fiel damit die Aufgabe zu die Jubiläumssession 11 mal 11 Jahre zu moderieren. Die Mitglieder wählten 2009 Karl-Hans Danzeglocke zum Präsidenten. Als Regisseur und Schauspieler der Theatergruppe in der Tonnengarde hatte er seine Bühnenfestigkeit schon unter Beweis gestellt und als Lehrer hatte er auch das notwendige Verständnis für die Jugend. Als im selben Jahr Prinz Lothar Hörning Ute Heierz-Krings zur Venetia wählte, stellte die Tonnengarde zum ersten mal in ihrer langen Geschichte die Venetia der Landeshauptstadt Düsseldorf.

Das Jahr 2011 bescherte uns mit dem Tonnenbauernpaar Markus Becker und Katrin Thomas zum ersten Mal ein Bauernpaar, das sich mit einem eigenen Lied präsentierte. Den Textteil „Wir ziehen um die Häuser“ hat sich der Tonnenbauer so zu Herzen genommen, dass er gleich mehrere Bauobjekte in Niederkassel in Angriff nahm.

Das Jahr 2012 begann mit einem Paukenschlag. Wolfram und Sylvia Schäfer wurden das Tonnenbauernpaar. Wolfram, besser bekannt als Wolle, war bis dahin der Frontsänger der Kultband Alt Schuß. Er hatte also nicht nur Bühnenerfahrung sondern er wusste auch einen Saal voller Jecken zum Kochen zu bringen. So textete und komponierte der Tonnenbauer das Lied: „Party am Rhein“ mit dem sich die beiden in die Herzen der Besucher sangen. Es scheint zwar kaum möglich einen Paukenschlag noch zu steigern, aber wie soll man das anders nennen: Mit Thomas Puppe und Anke Conti Mika stellte die Tonnengarde das komplette Prinzenpaar der Landeshauptstadt. Was für eine Session! Da konnte auch der Versuch durch einen Versammlungsbeschluss den Frauen das Stimmrecht zu erteilen nicht Wirklichkeit werden, der Charme des Prinzen veranlasste den Antragsteller den Antrag zurückziehen.

Doch es geht weiter. Im Jahr 2013 wurde Präsident Karl-Hans Danzeglocke Tonnenbauer und mit der Bäuerin Anja Schnigge-Gollak an seiner Seite meisterte er brillant und mit Humor die Doppelfunktion als Tonnenbauer und Präsident.

Vieles hat sich in den vergangenen 126 Jahren in Niederkassel verändert. Die Rennstrecke wurde aus Gründen der Sicherheit für die Zuschauer mehrfach verlegt. Auch die Abkürzung durch den Bungert gibt es nicht mehr, wurde mit Wohnhäuser zugebaut. Geblieben aber ist das Wesentliche, der urwüchsige Karneval. Der zieht immer mehr Mitglieder an und lässt die Tonnengarde wachsen. Zwei Venetien und ein Prinz aus den Reihen dieser Garde bringen das nachhaltig zum Ausdruck.

So lange diese Tonnengarde ihren bäuerlichen Wurzeln verbunden bleibt, mit beiden Füßen fest auf der Erde steht und trotz aller Erfolge nicht abhebt, wird es in Niederkassel einen wunderschönen Karneval geben, wird das traditionelle Tonnenrennen gestartet und eine strahlende Tonnengarde Frohsinn verbreiten.

Werner Hansen
Ehrenvorsitzender